Die Erfahrung der Stille

Wenn das Wasser still wird

Zu einem Einsiedler kamen eines Tages Menschen und fragten ihn:

„Welchen Sinn siehst du in einem Leben der Stille?“

Der Einsiedler schöpfte gerade Wasser aus einer tiefen Zisterne.

Er bat die Menschen, in das Wasser hineinzuschauen.

„Was seht ihr?“

„Nichts“, antworteten sie.

Der Einsiedler wartete eine Weile.

Dann forderte er sie erneut auf:

„Schaut noch einmal hinein.“

Diesmal antworteten sie:

„Wir sehen uns selbst.“

Der Einsiedler lächelte.

„Vorher war das Wasser unruhig.
Jetzt ist es still.
Erst in der Stille könnt ihr euch selbst erkennen.“

Diese Geschichte begleitet mich seit vielen Jahren.

Vielleicht, weil sie mit so wenigen Worten etwas beschreibt, das ich selbst immer wieder erfahren habe:

Wenn es in uns ruhiger wird, verändert sich unser Blick.


Wenn das Außen laut wird

Unser Alltag ist voller Eindrücke.

Nachrichten, Gespräche, Termine, Aufgaben und Erwartungen begleiten uns durch den Tag. Und selbst wenn es um uns herum einmal ruhig ist, bedeutet das noch lange nicht, dass es auch in uns still wird.

Unsere Gedanken gehen weiter.

Was muss ich noch erledigen?
Was hätte ich anders machen sollen?
Was erwartet jemand von mir?
Wie soll es weitergehen?

Manchmal versuchen wir gerade dann besonders angestrengt, Antworten zu finden.

Wir denken noch mehr.
Wir wägen ab.
Wir suchen nach Lösungen.

Doch vielleicht ist unser Inneres in solchen Momenten wie das Wasser in der Geschichte.

Es ist zu sehr in Bewegung, um klar sehen zu können.


Stille bedeutet nicht, dass keine Gedanken mehr da sind

Lange hatte ich eine andere Vorstellung von Stille.

Ich dachte, still zu sein bedeute, dass die Gedanken aufhören müssten.

Heute erlebe ich es anders.

Stille entsteht für mich nicht dadurch, dass plötzlich alles verschwindet.

Gedanken dürfen da sein.
Gefühle dürfen da sein.
Auch Unruhe darf da sein.

Ich muss sie nicht wegmachen.

Vielleicht beginnt Stille vielmehr dort, wo ich aufhöre, jedem Gedanken folgen zu müssen.

Wo ich für einen Moment einfach wahrnehme:

Was ist jetzt gerade da?


Der Körper und der Atem können uns dabei helfen

Manchmal finden wir den Weg in die Stille nicht über unseren Kopf.

Dann kann der Körper eine Tür sein.

Wir spüren die Füße auf dem Boden.
Wir nehmen eine Bewegung bewusst wahr.
Wir bemerken, wie der Atem kommt und wieder geht.

Ein Atemzug.

Und noch einer.

Nicht mit dem Ziel, einen bestimmten Zustand zu erreichen.

Sondern einfach, um wieder im gegenwärtigen Moment anzukommen.

Vielleicht wird es dadurch nicht sofort vollkommen ruhig.

Aber das Wasser darf beginnen, sich zu setzen.


Und dann?

Das Spannende an der Geschichte vom Einsiedler ist für mich nicht nur, dass das Wasser still wird.

Es ist das, was die Menschen anschließend darin sehen:

sich selbst.

Auch darin erkenne ich etwas Wesentliches.

Stille gibt uns nicht unbedingt die Antworten, die wir erwartet haben.

Sie sagt uns nicht, was wir tun sollen.

Aber sie kann einen Raum öffnen, in dem wir uns selbst wieder deutlicher wahrnehmen.

Was beschäftigt mich wirklich?

Was brauche ich?

Was fühlt sich für mich stimmig an?

Was gehört vielleicht gar nicht zu mir, obwohl ich es schon lange mit mir herumtrage?

Nicht auf jede dieser Fragen muss sofort eine Antwort entstehen.

Manchmal genügt es zunächst, sie überhaupt wieder hören zu können.


Stille braucht keinen besonderen Ort

Vielleicht denken wir bei Stille an ein Kloster, einen einsamen Berg oder einen Retreat-Ort weit entfernt vom Alltag.

Solche Orte können wunderbar sein.

Aber die ersten Momente der Stille können viel kleiner sein.

Ein paar Minuten am Morgen, bevor der Tag beginnt.

Ein bewusster Atemzug, bevor du auf eine Nachricht antwortest.

Ein Spaziergang ohne Handy.

Eine Tasse Tee, ohne nebenbei etwas zu erledigen.

Ein Moment, in dem du deine Augen schließt und deinen Körper wahrnimmst.

Stille muss nicht lange dauern, um uns daran zu erinnern, dass es neben all dem Tun auch noch etwas anderes gibt:

das Sein.


Vielleicht magst du es ausprobieren

Nimm dir heute irgendwann einen kleinen Moment.

Du musst dafür nichts vorbereiten.

Setz dich einfach hin.

Spüre den Boden unter deinen Füßen.

Nimm deinen Atem wahr, ohne ihn verändern zu wollen.

Und dann frage dich nicht sofort:

Was muss ich herausfinden?

Bleib einfach einen Moment da.

Vielleicht ist das Wasser noch unruhig.

Das ist in Ordnung.

Du musst es nicht mit der Hand glätten.

Lass es einfach stiller werden.

Und vielleicht zeigt sich etwas.

Vielleicht auch nicht.

Beides darf sein.


Die Magie der Stille

Für mich liegt genau darin die Magie der Stille.

Nicht darin, dass sie alle Probleme löst.

Nicht darin, dass wir in ihr plötzlich immer wissen, was richtig ist.

Sondern darin, dass wir für einen Moment aufhören können, im Außen nach allem zu suchen.

Wir lauschen wieder.

Wir spüren.

Wir nehmen wahr.

Und manchmal erkennen wir dabei etwas, das die ganze Zeit da war.

Uns selbst.

„Wenn das Wasser still wird, können wir uns darin erkennen.“